Spitzbergen Juli 2011

+++ über 30kg auf dem Rücken +++ 100km Rundtour auf Dicksonland +++ Gletscherüber- und Flußdurch-Querungen +++ Besteigung des Fiskefjellet +++ Fuchsbesuch am Zelt+++

Auf unserer Winter-Tour im Frühjahr 2010 hatten wir uns vorgenommen, nochmals nach Spitzbergen zu kommen. Mitten im kurzen Sommer von Spitzbergen standen wir Anfang Juli auf dem Campingplatz von Longyearbyen und wurden von einem kräftigen Wind empfangen. Die Temperaturen waren knapp zweistellig im Plusbereich. Mit unserem Gepäck hat alles wunderbar geklappt und so nutzen wir den ersten Tag, um uns mit Lebensmitteln, den Utensilien für den Bärenzaun, den Tickets für die Schiffspassage und Brennstoff für den Kocher einzudecken.
Am darauf folgenden Tag wurde alles in den Rucksäcken verstaut. Was innen keinen Platz mehr fand wurde außen festgezurrt. Mit jeweils 32kg waren die Rucksäcke an der Grenze dessen, was von uns noch problemlos zu tragen war. Unsere Taktik war es, circa eine Stunde zu wandern und dann eine lange Erholungspause einzulegen, um dann wieder eine Stunde weiter zu gehen. Diese Strategie bewährte sich gut, wobei gegen Ende der Tour, durch die leichter werden Rucksäcke, deutlich längere Teiletappen möglich waren. Um uns auf die Tour vorzubereiten, hatten wir Rucksäcke, beladen mit 30kg, stundenweise in den Stuttgarter Parkanlagen spazieren getragen. Bei manchen Passanten führte dies zu Irritationen. Einige der Passanten suchten auch das Gespräch. Meist wurde richtig vermutet, dass wir trainierten.

Am Starttag liefen wir von unserem Campingplatz, der sich am Flugfeld von Longyearbyen befindet, die 4 km bis zum Hafen, wodurch wir ein erstes Gefühl für die bevorstehende Tour bekamen. Unsere Stimmung war bestens und gegen Mittag legten wir mit der MS Langøysund in Richtung Pyramiden ab.
Die  MS Langøysund ist ein Ausflugsschiff, das bei ausreichender Passagieranzahl 3x die Woche eine Rundfahrt durch den Isfjord und den Billefjord unternimmt. Das Schiff fuhr sehr dicht an verschiedenen Vogelbrutfelsen und dem Nordenskiöldbreen (Gletscher) vorbei, bis zum Zwischenstopp in Pyramiden. Die anderen an Bord befindlichen Touristen machten sich vom Hafen zu Fuß auf den Weg in die Stadt und wir bereiteten unseren Aufbruch vor.
Pyramiden ist eine verlassene russische Bergarbeitersiedlung, die auf der Halbinsel Dicksonland im Billefjord liegt. In ihr haben ehemals bis zu 1000 Menschen gelebt. Es hat dort an nichts gemangelt: Beheizte Böden für den Gemüseanbau, ein Schwimmbad, Sportplätze, ein Kulturhaus usw. Heute wird Pyramiden im Sommer von ca. 20 und im Winter von 2-3 Menschen bewohnt. Sie erhalten und bewirtschaften die Siedlung für den Tourismus.

Vom Anlegesteg keuchten wir, der Falllinie folgend, einen Abhang hinauf, wo wir nach 80 Höhenmetern auf einen ehemaligen Wirtschaftsweg stießen, dem wir in nordöstlicher Richtung 3h folgten. Die Nutzung des Wirtschaftsweges war für den Start recht angenehm, da der Untergrund fest und uns die Wegfindung abgenommen war. An einem größeren Bach endete der Weg. Der Bach war so breit, dass wir einige Zeit darauf verwenden mussten, eine geeignete Stelle zu finden, an der wir ihn durch einen gewagten Sprung überwinden konnten. Nicht lange danach kamen wir an einen deutlich breiteren Gletscherbach, den wir in keinem Fall mehr überspringen konnten. So kam, noch am Ende des ersten Tages, unsere "Flußdurchquerungs-Ausrüstung" zum Einsatz. Diese bestand aus Neoprensocken, die bis zur Hälfte der Waden reichten und Trekkingsandalen. Aufgrund der Tiefe des Baches mussten nicht nur die Schuhe, sondern auch die Hosen, ausgezogen werden. In diesem Aufzug gaben wir ein lustiges Bild ab. Oben herum waren wir eingepackt wie im tiefsten Winter, während die Beinbekleidung den Eindruck eines Badeurlaubes vermitteln konnte. Dies sorgte für viel Spaß und noch mehr Fotos. Durch die starke Strömung war die Querung eine Herausforderung. Es wurde sehr viel Wasser in die Neoprensocken gepresst, so, dass sie sich wie ein Ballon mit eiskaltem Wasser füllten. Dies erschwerte uns das Erfühlen eines sicheren Standes auf dem verblockten Untergrund. Trotz dieses Handicaps kamen wir, unter Berücksichtigung einiger Regeln gut auf die andere Seite. Bei der Querung achteten wir darauf, diagonal gegen die Strömung zu gehen und wenn möglich, tiefere Bereiche zu meiden. Für den Notfall hatten wir den Beckengurt des Rucksacks aufgemacht, damit wir im Falle eines Sturzes, die Schultergurte abstreifen und möglichst schnell wieder auf die Beine kommen konnten. Nach dieser ersten kleinen Bewährungsprobe schlugen wir in wunderschöner Landschaft unser Nachtlager auf.

Am nächsten Tag wartete ein längerer Anstieg mit 500 Höhenmetern auf uns. An und für sich keine große Hürde, aber mit über 30kg auf dem Rücken war dies sehr kräftezehrend. Am Sattel angekommen, machten wir Rast wobei wir durch einige wärmende Sonnenstrahlen verwöhnt wurden. Der Abstieg verlief problemlos, bis wir in sehr morastiges Gelände kamen. Von jetzt an war das Fortkommen sehr mühsam. Immer bemüht, nicht zu tief im Schlamm einzusinken, hüpften wir von Stein zu Stein. Diese versanken zwar ebenfalls, aber man hatte einige Sekunden Zeit um sich zu orientieren und zum nächsten Stein zu kommen. Die Steinhüpferei war sehr anstrengend und zeitaufwändig und wir konnten nicht abschätzen, wie es mit dem schlammigen Untergrund weitergehen würde. So beschlossen wir an diesem Abend, die Tour etwas abzukürzen. Zum Glück wurden die Verhältnisse wieder besser und wir schafften es ohne Mühe, wie geplant, nach 9 Tagen wieder am Hafen von Pyramiden zu stehen.

Unsere Tour führte uns durch wunderschöne Täler, wir überquerten beeindruckende Gletscher und stiegen auf das Fiskefjellet mit einem tollen Ausblick in den Dicksonfjorden. Die Landschaft des Dicksonland hat uns, vor allem auch durch ihr ständig wechselndes Gesicht, sehr beeindruckt. Von Eis zu Schlamm, über Stein und Sand, zu Gras und wieder zurück. Die wechselnden Bedingungen sorgten oft dafür, dass wir unser Nachtlager später als gewollt aufschlugen. Zum einen brauchten wir einen trockenen und halbwegs ebenen Platz für das Zelt. Zum anderen benötigten wir, im Gegensatz zu unserer Wintertour, auf der überall Schnee zur Verfügung stand, einen klaren Wasserlauf, um uns Tee und unser Essen zubereiten zu können. Aufgrund der Mitternachtssonne, die uns 24h lang Tageslicht bescherte, hatten wir, im Gegensatz zu unseren Wintertouren, keinen geregelten Tagesablauf. Wir standen auf wann wir wollten, liefen so lange wir Lust hatten und verloren zwischendurch jegliches Zeitgefühl. Wir begegneten 6 Tage lang keinem anderen Menschen.

Am vorletzten Tag zog sich Andreas beim Bücken eine Reizung eines Rücken-Nerves zu. Glück im Unglück war, dass es erst kurz vor dem Ziel passierte, sonst hätten wir uns vielleicht ausfliegen lassen müssen. So konnte sich Andreas samt Gepäck noch bis zum letzten Schlafplatz in Sichtweite von Pyramiden schleppen. Nachdem das Zelt aufgebaut und das Abendessen beendet war, machten wir noch einen Abstecher nach Pyramiden. Im Hotel kauften wir 2 Dosen белый медведь Bier und setzten uns am Stadtrand auf die Holzveranda eines verlassenen Hauses in die Mitternachtssonne. Angelehnt an die Türe ließen wir die Tour noch einmal Revue passieren und schmiedeten Pläne für weitere Abenteuer. Zurück am Zelt bekamen wir Besuch von einem Polarfuchs. Er zeigte kaum Scheu, kam bis an unser Zelt und zupfte an einer vor dem Zelt liegenden Tüte. Abgelöst wurde er dann von einem Ren mit Jungtier. Ein schöner Ausklang unserer Tour.